
Von der Gründung bis zur Suspendierung (1884-1891)
Wenn man die Geschichte als Ideengeschichte sieht, dann ist die Geschichte der Libertas die Geschichte, wie Brünner Studenten auf österreichischem Boden an ihrer TH versuchten, mit den Mitteln einer Korporation die Ideen der Urburschenschaft in ihrem Raum zu verwirklichen: Das Streben nach der Schaffung einer „Deutschen Nation", das der Urburschenschaft als unabdingbare Idee vorschwebte.
Dabei konnte und durfte nicht übersehen werden, daß der deutsche Bevölkerungsanteil der damals überwiegend deutschen, mährischen Landeshauptstadt Brünn in gesellschaftlicher und politischer Hinsicht rein liberal eingestellt war und völkisch-nationalen Ideen nicht nur skeptisch, sondern weitgehend ablehnend gegenüberstand. Dies konnte nicht ohne Folgen auf die Studenten ihrer Hochschule bleiben, weshalb nationale Ansichten in der Brünner Studentenschaft erst viel später Fuß faßten als in Wien, wo die konservativen Burschenschaften als Träger dieser Richtung bereits in Blüte standen. Die konservativen Burschenschaften österreichischer Prägung verlangten von ihren Mitgliedern nicht nur das Schlagen von Bestimmungsmensuren aus erzieherischen Gründen, sondern auch eine eindeutige deutsch-völkische Einstellung, standen auf dem Standpunkt der unbedingten Satisfaktion und nahmen später das Waidhofener-Prinzip an.
In Brünn war diese Korporationsforrn bis zur Gründung der Libertas nicht vertreten. Es bestanden damals die technische Landsmannschaft „Moravia", die Progreßburschenschaft „Arminia", die beiden internationalen Corps „Marchia" und „Austria" sowie als loser Verein der „Technische Club", aus dem später der wehrhafte Verein „Sudetia" hervorging. Das waffenstudentische Element war nur durch die Corps vertreten, während Moravia und Arminia Duell und Bestimmungsmensur verwarfen. Nach 1880 machten sich jedoch in den beiden letztgenannten Korporationen unter den Aktiven starke Bestrebungen in konservativer Richtung bemerkbar, die bei der Landsmannschaft Moravia durch den Eintritt des inaktiven Burschen Bartsch der Grazer Burschenschaft Allemannia sehr gefördert wurden. In beiden Fällen setzte sich jedoch das liberale Element der Altherrenschaft durch, das zum Ausscheiden von acht Aktiven der Arminia und sechs der Moraven führte.
Diese beiden Gruppen schlossen sich zusammen und gründeten gemeinsam am 19. Juni 1884 die „Libertas" als erste konservative Burschenschaft auf Brünner Boden. Der erste Sprecher war der gewesene Brünner Armine Hugo Grohmann (gebürtig aus Würbenthal im Altvatergebirge in Österreich-Schlesien), ihr erster Fechtwart der von den Moraven kommende Grazer Alleetanne Hubert Bartsch, ein Niederösterreicher.
Die junge Burschenschaft entfaltete sofort eine rege Tätigkeit. Bereits am 29. Oktober 1884 stieg die erste Mensur mit einem Märker (Corps Marchia), der bald weitere folgten, was im Studienjahr 1885/86 zur Gründung des ersten konservativen DC in Brünn mit dem Corps Marchia führte. In politischer Hinsicht schloß man mit der progressistischen Arminia, um eine ersprießliche nationale Tätigkeit entfalten zu können, namentlich für gemeinsame burschenschaftliche Angelegenheiten, am 6. Oktober 1884 unter Zurückhaltung aller trennender Grundsätze einen nationalen DC, der insbesondere im „Deutschen Schulverein" ein reiches Betätigungsfeld fand. Von der Gründung an bestätigte damit die Libertas ihre Bereitschaft zur Zusammenarbeit, wenn es galt, gemeinsame Ziele zu erreichen.
Die Libertas begriff sich von Anfang an, aufbauend auf den Gedanken und Zielen der Urburschenschaft, nicht nur als Korporation zur Pflege studentischen Tuns, sondern in erster Linie als akademischer Bund, der volkstumpolitisch tätig sein mußte. Man stand getreu hinter dem Linzer Programm Schönerers aus dem Jahre 1882 und seiner „Alldeutschen Partei", später der „deutschradikalen" bzw. „deutschnationalen" Partei. Liberten mußten auch jeweils den genannten Parteien angehören.
Die nach der Gründung ausgearbeitete Satzung muß für die damalige Zeit eine Art revolutionärer Akt gewesen sein, da sie bereits in Punkt 2 die völkische Ausbildung ihrer Mitglieder festlegte. Im Jahre 1921 erregte Bundesbruder F. E. Sasum fast an Bewunderung grenzendes Aufsehen, als er diese Satzung im „Vaterländischen Ausschuß" der Deutschen Burschenschaft, dessen Mitglied er war, als Beispiel für ein völkisches Erziehungsprogramm vortrug. Die dann ausgearbeiteten Richtlinien für die gesamte Deutsche Burschenschaft trugen seine Handschrift und fußten auf dem Gedanken der Libertas von 1884.
Die hohen Anforderungen, die an die jungen Liberten gestellt wurden, hatten zur Folge, daß von den Neuzugängen viele wieder ausschieden. So verblieben z. B. von den zehn im Bericht des WS 1887/88 aufgeführten Füchsen nur drei in der Burschenschaft. Das war auf die Dauer zu wenig und führte dazu, daß der Aktivenbetrieb nicht mehr aufrecht erhalten werden konnte und die Burschenschaft am 2. Dezember 1891 suspendiert werden mußte. Auch die ständig sinkende Hörerzahl an der TH Brünn war ein Grund zur Vertagung.
Die Libertas war Gründungsmitglied des Linzer DC und pflegte seit ihrer Gründung enge, freundschaftliche Beziehungen zur Grazer Burschenschaft Allemannia und zur Wiener Burschenschaft Bruna Sudetia.
Von der Wiederaufnahme des aktiven Betriebs (1895) bis zum Ersten Weltkrieg
Die österreichisch-ungarische Monarchie der Habsburger war ein Vielvölkerstaat. Er bestand aus vielen Teilen mit ungleicher Veranlagung, ungleicher Bildung und ungleicher wirtschaftlicher Entwicklung. Die erheblich größere Volkszahl der slawischen bzw. nichtdeutschen Bevölkerung erfreuten sich nicht nur des Wohlwollens des Kaisers Franz Joseph, sondern wurde überdies in jeder Beziehung gefördert auf Kosten des steuerkräftigeren und wehrfreudigeren, tüchtigeren und fleißigeren Deutschtums, gefördert durch radikale und ungerechte Maßnahmen nichtdeutscher Minister wie Taafe („Österreich ist kein deutsches, sondern ein habsburgisches Reich"), von Badeni und anderen mehr.
Schon nach wenigen Jahren zeigte sich die Folge slawenfreundlicher österreichischer Innenpolitik: ein Umschwung in der Denkungsart des deutschen Bevölkerungsanteils, vor allem der akademischen Jugend, der nicht nur zum Erstarken des Nationalgefühls, sondern auch zum Aufblühen des Waffenstudententums führte. Unter diesen Aspekten wagte man am 14. Juni 1895 die Neueröffnung der Burschenschaft Libertas und setzte damit den Grundstein für zwei sehr erfolgreiche Jahrzehnte in der Geschichte unseres Bundes. Mit dem nach Brünn gekommenen Prager Teutonen Hugo Scherbaum als Sprecher und Fechtwart sowie fünf weiteren Aktiven begann man mit der Fortsetzung der 1884 gewählten Aufgabe.
Die Liberten aus der Gründungsepoche standen mit Rat und Tat zur Seite, wobei besonders der später zum Ehrensprecher ernannte Bundesbruder Hiller dankbar zu nennen ist. Erfreulich starker Nachwuchs in den nächsten Semestern ließ die Liberten rasch zu einer nicht nur in Brünn sehr angesehenen Burschenschaft werden. Es wurde sehr viel und gut gefochten, und wenn der Schlachtruf „Laß ma die Tiger außi" ertönte und die Bundesbrüder Leopold Schiedler, Ferdinand Frank, Sliwka und andere mehr nach Prag, Wien oder Graz zum Fechten fuhren, kamen sie meist zwar mit bandagierten Köpfen, aber auch positiven Ergebnissen nach Hause. Daß die politische Betätigung nicht zu kurz kam, dafür sorgte die österreichische Innenpolitik. Die schweren blutigen Demonstrationen um die neue Sprachenverordnungen in Prag und Brünn, die schließlich deren Zurücknahme bewirkten, sahen die deutschen Farbenstudenten und natürlich die Liberten in vorderster Linie. Abwehrmaßnahmen gegen die fortschreitende Tschechisierung der Stadt Brünn und ihrer Umgebung blieben die Hauptaufgabe, was auch zur Übernahme des Dorfes Maxdorf als Schutzort führte.
Der erste Weltkrieg 1914-1918
4/5 der musterungspflichtigen Liberten erfüllten ihre Pflicht in feldgrauer Uniform einem Vaterland gegenüber, das eigentlich kein deutsches war. Fünf Bundesbrüder erlitten den Heldentot, drei starben an den Folgen des Krieges. Viele Auszeichnungen (Fronius, Krämer, beide Troppauer, und Krebs, ein Wiener, erhielten die goldene Tapferkeitsmedaille) und Verwundungen erinnern an die Leistungen und Taten. Der Aktivbetrieb war während des großen Völkerringens eingestellt, da alle Studierenden eingerückt waren. Um die Verbindungen unter den Bundesbrüdern sorgte sich in dankenswerter Weise Alter Herr Häusler durch die Herausgabe und den Versand der Kriegsnachrichten.
Vom Wiederaufbau nach dem verlorenen Krieg bis zur Selbstauflösung im Großdeutschen Reich (1918-1938)
Es war ein anderes Brünn, das die Herren Reserve-Offiziere vorfanden, als sie im Herbst 1918 nach vierjähriger Unterbrechung nach einem verlorenen Krieg und dem Zerfall der Monarchie kamen, um ihr Studium fortzusetzen bzw. zu beenden. Durch Eingemeindungen und Nationalitätswechsel war ihre Studienstadt tschechisch geworden. An der Hochschule liebäugelten Teile des Professorenkollegiums mit dem Gedanken einer Übersiedlung nach Linz, in der Hoffnung, dort bessere Bedingungen — in erster Linie für sich selbst — vorzufinden. Daß die Hochschule und ihre Hörer jahrzehntelang ein Bollwerk für das Brünner Deutschtum waren, wurde dabei außer acht gelassen und mußte erst durch die Liberten in Erinnerung gebracht werden.
Unsere ganz richtige Vermutung, daß sich die von Benesch versprochene „höhere Schweiz" als ebenso dicke Faustlüge erweisen würde wie Wilsons „Selbstbestimmungsrecht der Völker", war wohl entscheidend für den Entschluß, trotz aller Rückschläge an der von den Gründern übernommenen Aufgabe weiter zu arbeiten. Schließlich forderte dies die Lage der Deutschen im neu erstandenen tschechischen Staat. Das 70. Farbensemester wurde am 24. November 1918 eröffnet. Heinrich Schöber wurde Sprecher, die restlichen Ämter übernahm Karl Knirsch. Man war sich darüber klar, daß die geänderten Verhältnisse gewisse Umstellungen mit sich bringen würden und das Hauptgewicht auf politische, insbesondere hochschulpolitische Tätigkeit ausgerichtet werden mußte.
Trotz Abschaffung des Bierkomments gab es dann und wann auch feucht-fröhliche Kneipen, vor allem nach alter Sitte bei feierlichen Anlässen. Hauptgewicht wurde jedoch auf die Erziehung des Nachwuchses in althergebrachtem Sinn gelegt.
Die Libertas hatte zu dieser Zeit den stärksten Zulauf während ihrer ganzen Geschichte. Das WS 1918/19 zählte 11 Füchse, zu denen sich im folgenden SS vier weitere gesellten. Offensichtlich war in jener Zeit, in der niemand so recht wußte, wie es weitergehen würde, das Anlehnungsbedürfnis an andere und damit die Korporationsfreundlichkeit der jungen Studenten größer als sonst. Ihre burschenschaftliche Erziehung übernahmen die Bundesbrüder Waldemar Sitka und Franz Eduard Sasum. Da es sich zeigte, daß eine verhältnismäßig große Zahl der neuen Füchse den an sie gestellten Anforderungen nicht gewachsen war, wurde eine vierwöchentliche Probezeit eingeführt, um den Neuen gegebenenfalls nicht mit dem Makel eines Herausgeflogenen zu belasten Diese Einrichtung wurde während der ganzen Brünner Zeit beibehalten.
Das höchst mangelhafte Wissen der Maturanten (Abiturienten) der deutschen Oberschulen in der Tschechei in Deutscher Literatur, Geschichte und den Fragen des Volkstums machten zusammenfassende Vorträge in besonderen Studienwochen erforderlich. Später wurde der Kontakt zwischen den Bundensbrüdern durch Wanderungen ganz erheblich gefördert. Es fanden auch wiederholt Wanderwochen statt, zur Festigung der Bundesbrüderlichkeit verbunden mit Vorträgen zur Erweiterung des völkischen Wissens.
Es gelang den Leitern der burschenschaftlichen Abende, mehrere Semester hindurch zwei Alte Herren, die maßgeblich im politischen und völkischen Leben der Stadt Brünn tätig waren, für die Leitung und Diskussionsgestaltung zu gewinnen. Ihnen sei an dieser Stelle ganz besonders gedankt (Prof. Reinfuß und Dr. Schindler).
Daß die Liberten trotz ihrer vielfachen Inanspruchnahme das Fechten nicht verlernt hatten, zeigen nicht nur die Leistungen unserer Starfechter wie Herdler und Sudasch, sondern auch die Ergebnisse zahlreicher auswärtiger Hatzen. Die letzte Partie auf Brünner Boden schlug unser leider bereits kürzlich verstorbener Bundesbruder Lorenz am 23. Juni 1938, bei der er seinen Gegner mit einem Blutigenverhältnis 3 : 9 im 36. Gang abführte.
Große Verdienste erwarb sich Libertas bei der Gründung der allerdings nur kurzlebigen BdS (Burschenschaft der Sudetenländer) — Bundesbruder Sasum war Mitarbeiter und bemühte sich immer wieder um die Aktivierung dieses Verbandes der Burschenschaften an den Hochschulen in Prag und Brünn — sowie bei der Um- und Ausgestaltung des Verbandes deutsche Akademiker an den Hochschulorten und in den Provinzstädten. Dieser Verband war eine sehr erfolgreiche Hilfs- und Unterstützungsstelle für mittellose deutsche Studenten unter der Führung unserer Bundesbrüder Stanzel und Schlosser.
Die Liberten turnten in völkischen Turnvereinen und hielten dort Schulungsabende ab. Sie aktivierten die Schutzarbeit in Maxdorf und beteiligten sich zahlreich an den Veranstaltungen der deutschen Vereine in Brünn und in ihren Heimatstädten. Man chargierte bei den großen Festen der Schutzvereine und trat, wo immer es ging, in Farben auf.
Treu den Idealen der Urburschenschaft sahen die Liberten der damaligen Zeit ihre Hauptaufgabe in der Einigung aller deutschen Studenten als Vorstufe für die Vereinigung aller Deutschen zu einem geschlossenen Staatswesen, die entgegen aller feierlichen Versprechungen durch die Errichtung des neuen tschechischen Staates weiter entrückt schien als zu den Zeiten der österreichischen Monarchie. In Brünn galt es, die örtliche deutsche Studentenenschaft aufzubauen, zum Schutz der Hochschule und als Bollwerk zur Erhaltung alten, deutschen Kulturgutes. Unser Hauptanliegen war, eine Gemeinschaft aller Deutschen an der Hochschule herbeizuführen, also Korporationsstudenten und Freistudenten zusammen zu bringen und die Gegensätze zwischen schlagenden und nicht schlagenden Verbindungen zu überbrücken und damit auch zwangsläufig zu einer Zusammenarbeit mit den Duellgegnern zu kommen. Lauter Selbstverständlichkeiten für den Volkstumskampf im tschechischen Staat.
Neben den Bundesbrüdern Erich Heinisch und Kurt Raynoschek waren es noch viele andere Liberten, die sich hierbei große Verdienste erwarben und sehr maßgeblich das studentische Leben an der TH mitgestalteten und prägten. Man hatte es durchgesetzt, den früheren „Techniker-Ausschuß" in den „Deutschen-Studenten-Ausschuß" umzuwandeln, dem nur deutschstämmige Studenten angehören konnten.
Bei der ersten Wahl in dieses Gremium stellte die Libertas mit den Freistudenten eine gemeinsame Liste auf, weil sie sich mit den anderen Korporationen in der Frage eines Ehrenkodex mit den Duellgegnern nicht einigen konnte. Man gewann, und Bundesbruder Heinisch, der Listenführer, wurde 1. Vorsitzender des Ausschusses, wo er die Meinung der Libertas trotz harter Widerstände mit viel Geschick vertrat und durchsetzte. Als Vertreter der TH Brünn nahm er sehr maßgeblich am Aufbau der Studentenschaft der Sudetenländer und deren Aufnahme als Kreis 9 in die „Deutsche Studentenschaft" teil.
Nach langjähriger und zäher Arbeit in verschiedenen studentischen und staatlichen Gremien Deutschlands und Österreichs, an denen Bundesbruder Raynoschek beteiligt war, galt seit dem Innsbrucker Studententag 1924 der großdeutsche Gedanke in der Deutschen Studentenschaft fest verankert.
Der völkischen Einstellung entsprechend, war es das dauerhafte Bemühen der Libertas, ihre Gedanken in der Studentenschaft durchzusetzen. Wir waren jederzeit im Ausschuß vertreten und fast immer auch in dem fünfgliedrigen Vorstand; auch in den einzelnen Fachschaften arbeiteten Liberten mit. Von der Studentenschaft veranstaltete Vorträge wurden besucht. An den sportlichen Unternehmungen der Studentenschaft beteiligten sich Liberten gern; die Bundesbrüder Herdler und Michel waren mehrmals erfolgreiche Kämpfer in den verschiedenen Sportarten.
Aus der Vielfalt der großen Probleme, an deren Lösung die Libertas ganz besonders Anteil hatte, sollen in diesem Zusammenhang nur drei erwähnt werden:
1. In Prag war 1923 unter großen Schwierigkeiten u. a. auch mit Hilfe der deutschen Studentenschaften für das gesamte sudetendeutsche Sprachgebiet in der Tschechei die Sudetendeutsche Tageszeitung gegründet worden, eine unbedingte Notwendigkeit, zumal in Prag für das gesamte Sudetendeutschtum nur das jüdische Prager Tagblatt und die liberale Bohemia erschien. Einige Jahre später sollte eine deutsch-völkische Zeitung auch in Brünn erscheinen, und die Studentenschaft an der TH sollte es als ihre vornehmste Pflicht erachten, diesem Vorhaben Starthilfe durch Werbung usw. zu leisten. Mit der von völkischen Hitzköpfen beabsichtigten Neugründung in Brünn wäre der Sudetendeutschen Tageszeitung in Prag schwerer Schaden zugefügt worden, denn sie hatte ohne dies trotz gutem Niveau um ihre Existenz zu kämpfen. Teile der Brünner deutschen Bevölkerung und auch ein sehr beträchtlicher Teil der Studentenschaft begrüßten das Vorhaben, der Studentenausschuß an der TH mit seinem Vorstand verweigerten aus wohl überlegten Gründen jegliche Unterstützung. Nach stürmischem Kampf um den diesbezüglichen Beschluß in einer Studenten-Vollversammlung (Bundesbruder Firle war damals im Vorstand der Studentenschaft als Leiter des Außenamtes tätig und zuständig) und der Drohung gegen das unvernünftige und nicht notwendige Vorhaben in aller Öffentlichkeit vorzugehen, mußte von dem hinsichtlich eines Erfolges höchst zweifelhaften Vorhaben Abstand genommen werden.
2. Im WS 1924 gelang den jahrelangen Bemühungen unserer Burschenschaft (Bbr. Koch) die Gründung eines Waffenringes in Brünn und die Zustimmung aller Korporationen, die abschließenden Verhandlungen für ein von der Libertas bereits erarbeitetes „ Brünner Ehrenabkommen" zu erhalten. In diesem Zusammenhang sind die Namen der viele Jahre federführend tätigen Bundesbrüder Sitka, Sasum, Heinrich und Koch zu erwähnen. Die Verfassung eines solchen scheiterte zunächst an dem Widerstand der einzelnen Korporationen, weil unserer Meinung nach auch die Duellgegner einbezogen werden sollten. Es kam zunächst nur zu einem Abkommen zwischen der Libertas und der einzigen katholischen Verbindung Nibelungia, die einwandfrei völkisch eingestellt war und mit der wir in der Studentenschaft in allen Belangen gut zusammen gearbeitet haben, was von den schlagenden Korporationen nicht ausnahmslos gesagt werden kann. Durch den Anschluß aller Freistudenten kam es dann später zu einer Brünner Ehrenordnung, die auch für Duellgegner galt und im Reich Aufsehen ob ihres fortschrittlichen Geistes erweckte. Der Brünner Burschenschaft Libertas blieb an deutschen Hochschulen das einmalige Verdienst, Vereinbarungen getroffen zu haben, die die Duellgegner in das akademische Leben voll integrierte durch die Schaffung der Brünner Ehrenordnung.
Natürlich konnten die politischen Ereignisse im Deutschen Reich und später die Einigungsbestrebungen Konrad Henleins nicht ohne Auswirkungen auf das Leben in der Libertas bleiben, mußte es doch scheinen, als Wäre Hitlers Politik der richtige Weg, den Traum der Urburschenschaft, ein geeintes Deutsches Reich zu schaffen, zu verwirklichen.
Nach dem Anschluß des Sudetengaues und der Gründung der Rest-Tschechoslowakei dauerte es geraume Zeit, bis sich die Verhältnisse an den Hochschulen einigermaßen geklärt hatten. Während die tschechischen Hochschulen unter tschechischer Verwaltung blieben, wurden die deutschen zu Reichshochschulen erklärt. Dem Rektor wurde ein Kurator beigegeben bzw. vorgesetzt und die Leitung der Studentenschaft einem von der Reichsführung ernannten Studentenführer anvertraut. Die sich noch im Studium befindlichen Liberten prüften ernstlich und kritisch anfangs 1939 die Frage, ob durch Obernahme einer Kameradschaft die Aufrechterhaltung des Aktivbetriebes der Libertas in einer unserer Auffassung entsprechenden Form möglich wäre. Das Ergebnis war negativ. Dagegen stand primär die unseren Prinzipien widersprechende, landsmannschaftliche Gliederung der Kameradschaften, die uns eine freie Wahl der Mitglieder nicht gestattet hätte und für die wir bei der korporationsfeindlichen Einstellung des Studentenführers nie eine Ausnahmegenehmigung bekommen hätten. Dagegen sprach aber auch der Umstand, daß sich viele der jüngeren Bundesbrüder freiwillig zur Ableistung ihres Militärdienstes gemeldet hatten, und die älteren trachteten, ihr Studium so schnell als möglich zu beenden. Die für die Weiterführung eines Aktivenbetriebes in unserem Sinne notwendige Anzahl von älteren Liberten stand demnach nicht zur Verfügung. Mit dem Ende des Sommersemesters 1938 stellte deshalb die volltätige Burschenschaft ihren Betrieb ein.
Der zweite Weltkrieg und die Vertreibung aus der Heimat (1938-1945/46)
Die später von unserer Altherrenschaft zur finanziellen und vielleicht auch geistigen Betreuung übernommene Kameradschaft Brünn I, nach unserem Bundesbruder Christen auch als Kameradschaft Christen bezeichnet, blieb ohne nennenswerte Erfolge. Zu engeren Kontakten zwischen jungen Kameraden und alten Liberten kam es leider, trotz vieler gut gemeinter Versuche, so gut wie nie. Erstaunlich allerdings war, daß die von den Bundesbrüdern Schlosser und Raynoschek unter großen Opfern erstellten gemeinsamen Mitteilungen ein sehr starkes Echo fanden, ohne jedoch Mitglieder der Kameradschaft für unsere Libertas zu gewinnen. Der Libertensohn Fritz Winkler ist der einzige, der 1967 als Alter Herr aus der Kameradschaft übernommen wurde.
Der Anteil der im Zweiten Weltkrieg eingerückten Liberten war, auch bei Berücksichtigung der veränderten Altersstruktur, mit rund 2/3 wesentlich niedriger als im Ersten Weltkrieg, was darauf zurückzuführen war, daß viele Liberten leitende Positionen in kriegswichtigen Betrieben innehatten. Um so größer war der Blutzoll, den die Libertas entrichten mußte. Außer fünf Gefallenen und sieben Vermißten der eingerückten Bundesbrüder wurden 16 weiter Liberten Opfer des tschechischen Hasses nach dem Kriegsende. Einige Bundesbrüder waren in der Tschechei zu langjährigen Kerkerstrafen verurteilt. 1/5 der Liberten wurde somit Opfer des Krieges, des Zusammenbruches und der Vertreibung aus der Heimat. Ober das Ende des Brünner Deutschtums und den berüchtigten Todesmarsch der Brünner Deutschen nach Wien wurde anderweitig viel berichtet.
Wiedergeburt auf den Resten des Altreiches Vergeblich in München? Hoffnungsvoll in Aachen!
Der unermüdlichen Arbeit unseres Ehrensprechers Häusler (Kaute) in Wien ist es zu verdanken, daß bis zum März 1952 der Kontakt zwischen den meisten der damals noch lebenden 116 Liberten wieder hergestellt war und man am 16. März 1952 die Wiedereröffnung des Aktivenbetriebes in München wagen konnte.
Über Alten Herrn Pawlik hatte man Kontakt zur Münchener Burschenschaft Arminia bekommen, die uns in dankenswerter Weise zwei Gründungsburschen zur Verfügung stellte. Diese und der Sohn und ein Neffe von Liberten sowie der 41jährige, teilaktivierte Künl jun. bildeten den kleinen, viel zu kleinen Grundstock. Man ging mit sehr viel Idealismus und Hoffnung an den Wiederaufbau einer Aktivitas. Die Jungmannschaft tat ihr Bestes und brachte es fertig, trotz ihrer zahlenmäßigen Schwäche, sich im Münchener DC und im hochschulpolitischen Leben einen Namen zu machen und dort eine maßgebliche Rolle zu spielen. Immer wieder war es Bundesbruder Skalnik, der seine Bundesbrüder beispielgebend mitriß. Die wenigen Aktiven, von Alten Herrn Pawlik eingelochten, schlugen über 20 Partien, kassierten 3 Abfuhren und führten achtmal den Gegenpaukanten auf Schmiß ab. Mit nicht weniger Idealismus und großen Opfern an Zeit und Geld standen unsere Alten Herren aus dem Münchener Raum ihren Aktiven mit Rat und Tat zur Seite. Allen voran Schöber Heinrich, der, außerhalb Münchens wohnend und beruflich tätig, wie ein Aktiver mitgearbeitet hat. Ohne Skalnik und Schöber Heinrich wäre ein aktiver Betrieb in München überhaupt nicht möglich gewesen. Bundesbruder Firle, der mitten im Aufbau einer neuen Existenz stehend, eilte, wann immer es ihm nur möglich war, von Buchloe nach München, um die jungen Bundesbrüder zu guten Burschenschaftern im alten Libertengeist zu erziehen. Aber auch die Alten Herrn Schlosser und Künl sen. halfen kräftig beim Wiederaufbau des Bundes. Stiftungsfeste wurden mit den Wiener Bundesbrüdern in Salzburg gefeiert. Das 70. im Juni 1954 ließ noch Hoffnung schöpfen, aber bald danach zeigte es sich, daß in München bei rund 50 waffenstudentischen Korporationen das Nachwuchsproblem für eine mittelgroße Flüchtlingskorporation praktisch unlösbar wurde. Es mußte daher am 22. April 1956 der Aktivenbetrieb eingestellt und die Burschenschaft vertagt werden.
Für den Altherrenverband ergab sich die Frage, welcher Weg von verschiedenen Möglichkeiten für die Zukunft einzuschlagen sei. Darüber sollte ein Treffen in Essliegen, das zum 14./15. Juni 1958 vom AH-Obmann Heinrich Schöber einberufen worden war, die Entscheidung fällen.
Die Kunde von einem Brief, den Bundesbruder Schlosser von einem Herrn Verbandsbruder E. G. Schmidt aus Aachen erhalten hatte, in dem dieser für eine weitere Burschenschaft in Aachen eine Altherrenschaft suchte, führte zum Beschluß, den Versuch zu wagen.
Die Wiedereröffnung der Brünner Burschenschaft Libertas in Aachen
In den fünfziger Jahren war das Korporationsleben an der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule Aachen, das bereits kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges neu begonnen hatte, in kräftigem und stetigem Aufblühen begriffen. Zahlreiche, ursprünglich in Mittel- und Ostdeutschland beheimatete Korporationen hatten in Aachen aktive Bünde neu eröffnet, so im einzelnen:
— 6 Corps im Weinheimer SC,
— 4 Corps im Kösener SC,
— 1 Landsmannschaft im CC,
— mehrere Bünde im CV und KV.
In gleicher Weise hatten sich zu den alten Aachener Burschenschaften Alania und Teutonia die Danziger Burschenschaft Alemannin und die Dresden-Freiberger Burschenschaft Cheruscia neu hinzugesellt, und als Altherrenverbände mehrerer mitteldeutscher Ingenieurschuldverbindungen hatte sich die Aachener Burschenschaft Markomannia neu gebildet, die auf dem Burschentag in Landau am 29. Mai 1958 endgültig in die DB aufgenommen wurde.
Auf dem gleichen Burschentag stellten die Sprecher der Aachener Burschenschaften bei einer zufälligen Zusammenkunft fest, daß jeder Bund mehr Keilgäste hatte, als er bestenfalls aufnehmen konnte, ohne seine Integrationskraft zu überfordern. Wenn dieser hoffnungsvolle Nachwuchs der Burschenschaft als Ganzes nicht verlorengehen sollte, dann mußte in Aachen eine sechste Burschenschaft neu eröffnet werden. Man beauftragte also den damaligen Sprecher der Cheruscia, Erich Günther Schmidt, sich nach einer Altherrenschaft einer vertriebenen Burschenschaft umzutun, die bereit sei, in Aachen einen aktiven Bund zu eröffnen; die volle Unterstützung der Aachener Burschenschaft könne zugesichert werden.
E. G. Schmidt erinnerte sich, daß die Brünner Burschenschaft Libertas am 22. April 1956 in München vertagt worden war. Da er einerseits mit der Stadt Brünn durch eigenes Erleben eng verbunden war und da er andererseits von seinen älteren Bundesbrüdern, die aus der alten Przibramer Burschenschaft Glückauf stammten, wußte, in welch hohem Ansehen die Brünner Libertas im ganzen böhmisch-mährischen Raum gestanden hatte, wandte er sich als erstes an diesen Bund. Bereits am 12. Juli 1958 fand im Aachener Postwagen das erste Zusammentreffen aktiver Aachener Burschenschafter mit Brünner Liberten unter der Gesprächsführung von Alten Herrn Sudasch statt. Die Vorstellung der Libertas war eindeutig:
— Libertas war zahlenmäßig klein, aber fest entschlossen, einen volltätigen Bund neu aufzubauen und dafür die notwendigen Opfer zu bringen.
— Ein Wiederaufbau war nur dann möglich, wenn die alte Libertenverfassung weiter galt. In dieser Verfassung war das konservative Prinzip untilgbar ebenso wie die Forderung nach einem gemeinsamen Lebensbund junger und alter Liberten. Eine organisatorische Trennung in Aktivitas und Altherrenschaft war undenkbar.
Diese Forderungen der Libertas fanden Anklang bei den jungen Aachener Burschenschaftern und so versammelten sich am Freitag, dem 18. Juli 1958, auf dem Ahnenhaus die von ihren Stammburschenschaften abgestellten 14 Gründungsburschen (5 Alanen, 2 Teutonen, 1 Alemanne, 5 Cherusker und 1 Markomanne) sowie drei Alte Herren der Brünner Libertas. Unter dem Vorsitz von AH Heinisch beschlossen sie einstimmig, die Brünner Burschenschaft Libertas mit selbigem Tage in Aachen wieder zu eröffnen. Da kein Libertenschläger für die Eidesleistung vorhanden war, verpflichtet AH Heinisch die Gründungsburschen durch Handschlag.
Die ersten Bevollmächtigten und Beauftragten wurden gewählt:
X Erich Günther Schmidt (Cher.)
XX Lutz Röver (Al.) zugleich FW
XXX Dietrich Hölter (Mark.)
FM Dieter Riehn (Al.)
KW Helmut Gross (A1.)
Die Gründungsburschen legten das Libertenband an, und noch am gleichen Abend erschienen die ersten Aachener Liberten als Vertreter auf einigen Aachener Semesterabschlußkneipen.
Nach sehr intensiver Vorbereitung in den Semesterferien — die erste Aachener Libertenmitteilung unterrichtete alle alten Liberten vom Neuanfang in Aachen; der Sprecher besuchte Libertenzusammenkünfte in Nürnberg und München; Satzungsanpassungen wurden vorbereitet; Wappenschild, Siegel, Mützen und Mitgliederverzeichnisse wurden beschafft — begann das erste volle Farbensemester in Aachen am 5. November 1958 mit einem Burschenrat auf dem Alanenhaus. Danach stürzten sich die Gründungsburschen mit einem heute schon fast unvorstellbaren Schwung in die Keilarbeit und hatten auf dem Burschenschaftlichen Abend am 28. November die große Freude, den gemeinsamen Einsprung der ersten 5 Libertenfüxe zu erleben: Gunter von Großmann, Horst Priss, Karl Gustav Lange, Heinz Dworog und Peggy Forchhammer. Mit gewaltig gestärktem Selbstbewußtsein konnte so der große feierliche Eröffnungskommers am 13. Dezember in der Aachener Mensa abgezogen werden, der mit über 300 Teilnehmern von über 90 studentischen Verbindungen das herausragende Ereignis im Aachener Korporationsleben dieses Semesters wurde. Getreu der alten Libertenüberlieferung wurde auch in Aachen das Schlägerfechten eifrig betrieben: Lutz Röver focht die Anschlagpartie der Liberten in Aachen, es folgten sechs weitere Partien von Gründungsburschen auf Libertenfarben und von Karl Gustav Lange die erste Aachener Fuxenpartie. Tom Kästner, bereits Alter Herr der Kölner Burschenschaft Alemannia, sprang als 15. Gründungsbursch bei uns ein und wurde kurz darauf der erste (und langjährige) Geschäftsführer des vorausschauend bereits am 2. Februar 1959 gegründeten Vereins „ Studentenwohnheim Brünn e. V.. Da im weiteren Semesterablauf noch fünf neue Bundesbrüder einsprangen, konnte Libertas zum Semesterabschluß mit Blick auf ihre 15 Gründungsburschen und 10 Füxe den ersten Anfang als gelungen betrachten.
Das Sommersemester 1959 brachte drei weitere Libertenfüxe und die Aufnahme von drei Alten Herren der ehemaligen Kölner Burschenschaft Marchia — Kurt Schmidt, Waldemar Schmitz und Werner Schwarz, denen später noch Karl August Schmidt und Max Postich gefolgt sind. Libertas erschien zum ersten Mal wieder auf den Burschentagen: auf dem Jubiläumsburschentag der Deutschen Burschenschaft in Österreich in Salzburg und auf dem Burschentag in Kassel, auf dem die ersten Bande zur wiedereröffneten Prager Burschenschaft Ghibellinia geknüpft wurden. Der Höhepunkt aber war das erste Stiftungsfest in Aachen, zugleich das 75. der Libertas, mit einer bis dahin nicht wieder erreichten Beteiligung von Bundesbrüdern aus allen Landen. Hier wurde die in der Verfassung geforderte Lebensgemeinschaft junger und alter Liberten zum ersten Male erlebte Wirklichkeit. Auf diesem Fest wurden die ersten Aachener „Urliberten" in den inneren Verband aufgenommen: Gunter von Großmann und Karl Gustav Lange. Im nächsten, dritten Aachener Farbensemester sprangen wieder sechs Füxe neu ein, und die erste Fuxengeneration wechselte vollständig in den inneren Verband über, so daß zum Semesterabschluß Libertas in Aachen als aus eigener Kraft lebenstüchtig gelten durfte. Zum Dank für ihre Arbeit wurden darum die Gründungsburschen zu Ehrenburschen ernannt.
Das 4. und 5. Aachener Semester standen bereits unter der tatkräftigen Leitung des ersten eigenwüchsigen Sprechers Horst Priss, die Fuxenerziehung leitete für viele Semester Gunter von Großmann. Acht neue Bundesbrüder stießen zu uns, und die Frage nach einem eigenen Heim wurde dringend. Dank den unermüdlichen Bemühungen Tom Kästners und in Verbindung mit unserem späteren Ehren-AH Jo Peters gelang es, am 23. November 1960 den Kaufvertrag für das Haus Muffeter Weg 15 abzuschließen. Aber es gelang auch nur, weil dafür sechs Bundesbrüder durch die Übernahme persönlicher Bürgschaften ein großes Risiko eingingen: Karl Bayer, Heribert Forberich, Theo Kellner, Hans Lux, Hans Straßner und Erich Sudasch. Am 3. Januar 1961 konnten die Schlüssel des Hauses übernommen werden, und nach einem wahrhaft heinzelmännchenartigen Umbau unter Beteiligung aller Volltätigen wurde es noch im gleichen Wintersemester bezogen.
Mit dem neuerworbenen Haus hatte aber die zahlenmäßig kleine Altherrenschaft, deren Angehörige bis auf ganz wenige Ausnahmen nach der Vertreibung erst wieder eine neue berufliche Existenz hatten gründen müssen, eine schwere Belastung übernommen. Nach Heinrich Schöber waren erst Heribert Forberich, dann Hans Straßner und schließlich für 15 Jahre Erich Sudasch ihre Obmänner gewesen, bis dieses Amt dann 1980 an E. G. Schmidt und damit zum ersten Mal an einen Aachener Liberten fiel. Alle Obmänner hatten unermüdlich um die geldlichen Grundlagen für den Hausbetrieb zu kämpfen und dafür der Altherrenschaft erhebliche Opfer abverlangen müssen. Es war eine Krönung der Tätigkeit des unvergessenen Dreiergespanns Erich Sudasch, Willi Sieprath und Fedor Pollmar, daß es in einer fast übermäßigen Kraftanstrengung gelang, in den Jahren 1976 bis 1978 das alte Gemäuer von grundauf umzubauen zum heutigen repräsentativen Libertenhaus.
Diese materiellen Anstrengungen rechtfertigten sich dadurch, daß die Arbeit der Burschenschaft Libertas in Aachen von ihrem sechsten Farbensemester an, dem Sommersemester 1961, ein neues Gesicht bekam; denn nun hatte sie ein eigenes Heim in ihrer neuen Wahlheimat. Dieses Heim war und ist nicht nur Ausgangs- und Kristallisationspunkt ihrer Arbeit, sondern schafft auch im Zusammenleben ihrer jüngsten Mitglieder die feste Grundlage für eine dauerhafte bundesbrüderliche Gemeinschaft. Das burschenschaftliche Selbstverständnis beschränkte sich bald nicht mehr auf den eigenen inneren Kreis, sondern drängte wieder mächtig auf die Wirkung nach außen.
Schon früh wurde die alte Tradition eines Schutzortes wieder aufgenommen. Für einige Jahre war dies Lengmoss-Klobenstein auf dem Ritten in Südtirol. Sodann wuchs Libertas wieder in ihre tragende Rolle in den altüberlieferten Ostdeutschen Bund hinein, der eine festere Gestalt annahm und sich um die Prager Burschenschaft Ghibellinia verstärken konnte. Danach war es selbstverständlich, daß Libertas auch einen festen Platz in der Burschenschaftlichen Gemeinschaft einnahm, die die Wiedervereinigung der Burschenschaften in den freigebliebenen Teilen unseres deutschen Vaterlandes schließlich durchsetzen konnte. Im Geschäftsjahr 1970/71 schließlich übernahm Libertas in einer Zeit schwerer Krisen den Vorsitz in der Deutschen Burschenschaft. Hermann Hadtstein und Hans-Peter Boos, letzterer von der Aachener Burschenschaft Alania und seither unser Ehrenbursch, bewältigten diese Aufgabe damals mit höchstem persönlichem Einsatz, unterstützt von allen Volltätigen.
Seither sind gute und weniger gute Jahre dahingegangen. Die Reihen unserer Bundesbrüder aus Brünn haben sich empfindlich gelichtet, dafür sind mehr und mehr junge Bundesbrüder aus der Aachener Zeit in die Altherrenschaft eingetreten. Gemeinsam sehen wir Jahr für Jahr neue Studenten zu uns kommen, die unser Band und unseren Schläger aufnehmen und damit auch unsere besondere Aufgabe:
Von E. Heinisch, H. Steffe, G. Firle und E.G. Schmidt © Brünner Burschenschaft Libertas 1984/2009